Die Errichtung einer Großmarkthalle für Obst und Gemüse am Bozner Boden war schon im Jahre 1935 vorgesehen (Projekt Ing. Nolli), aber erst 1942 wurde ein Autonomes Verwaltungskonsortium mit einem Gesellschaftskapital von 3.000.000.- Lire gegründet. welches wie folgt gezeichnet war:

  • Allgemeines Lagerhaus Lire 990.000.- 33%
  • Etschwerke Lire 990.000.- 33%
  • Landw  Hauptverband Lire 660.000.- 22%
  • Landessparkasse Lire 360.000.- 12%

primo lotto 1962_1

Der Krieg verhinderte die Verwirklichung der gesteckten Ziele. Nach Kriegsende wurde von mehreren Seiten eine Preiskontrolle der Einzelhandelspreise, einschließlich derer für Gartenbauprodukte, gefordert.

Die Gemeinde Bozen griff die Plane für den Bau einer Grosmarkthalle im Jahre 1953 wieder auf. Es wurde eine Studienkommission eingesetzt, die feststellte, das die meisten Gemeinden eine Großmarkthalle besitzen und das deren Bedeutung von den Wirtschaftskreisen und den Konsumenten anerkannt war.

Die Verwaltungsspesen eines Großmarktes machten damals 1 – 3 % der Großhandelspreise aus; dies war im Verhältnis zu den erzielbaren Vorteilen durchaus tragbar  galt es doch:

  • mögliche Monopolstellungen oder Preisabsprachen zu durchbrechen;
  • einen klaren Preisvergleich zwischen Einzel­handels- und Groshandelspreisen und damit größere Marktübersicht zu ermöglichen;
  • Initiativen für eine Normalisierung der Märkte (kontrollierte Verkäufe) zu ergreifen;
  • eine schnelle und wirkungsvolle hygienisch-sanitäre Kontrolle zu gewährleisten;
  • freie Konkurrenz zu verwirklichen, wobei der Einzelhändler nicht mehr gezwungen ist, nur bei einem Großhändler einzukaufen;
  • die Versorgung der ganzen Provinz und mög­licherweise, nachdem der Markt sich behaup­tet hat, von Städten wie Innsbruck, Landeck, Lienz, usw. sicherzustellen;
  • das Stadtzentrum vom chaotischen Verkehr der Fahrzeuge der Detail- und Großhändler zu entlasten;

primo lotto 1962_3Kurz darauf wurde mit dem Bau der ersten drei Gebäude auf dem Areal des alten Sportplatzes am Bozner Boden begonnen, wobei die Möglichkeit offen gelassen wurde, den Markt, je nach Bedarf und Aufgabenbereich, zu erweitern.
Mit dem Gesetz Nr. 125 von 1959 wurde allerdings, den Regeln des freien Wettbewerbs folgend, die Liberalisierung des Großhandels in Gartenbauprodukten eingeführt. Man befürchtete nämlich, dass die Möglichkeit der Gemeinden, Großmärkte in einer Monopolstellung zu betrei­ben, den freien Waren- und Firmenverkehr beein­trächtigen konnte, und diese außerhalb der Märkte bessere Wettbewerbsbedingungen vorfinden würden.
Die Genehmigung des Gesetzes brach eine grundsätzliche Überprüfung der Problemstellung seitens der Gemeindeverwaltung und der Wirtschaftstreibenden aus.

Alle Für und Wider die Errichtung eines Marktes wurden noch einmal überprüft. Im übrigen war die Verwirklichung eines Großmarktes nun nicht mehr nur eine Angelegenheit der Gemeinden, sondern auch die Handelskammer und andere gesetzlich anerkannte öffentliche oder private Einrichtungen (Art. 5 vom Gesetz Nr. 125) können einen Markt errichten und verwalten.
Im Einklang mit den neuen Richtlinien beschloss der Gemeinderat der Stadt Bozen im März 1960:

  1. den Bau der schon bestehenden Infrastrukturen am Bozner Boden zu vervollständigen. da sie den Bedürfnissen der Wirtschaftstreibenden nicht vollkommen entsprachen;
  2. ein Verwaltungskonsortium unter Mitwirkung der Gemeinde Bozen zu gründen, die wei­terhin einziger Besitzer der Gebäude bleiben sollte;
  3. das Verwaltungskonsortium wurde verpflichtet an die Gemeinde Bozen einen Betrag für Zinsen, außergewöhnliche Instandhaltungsko­sten und Abschreibungen zu überweisen;
  4. außerdem sollte das Konsortium den Markt nach streng wirtschaftlichen Grundsätzen führen und dabei die Funktionen eines öffentlichen Dienstleistungsbetriebes, die ein Grosmarkt zu erfüllen hat, wahrnehmen.
  • Lire 2.100.000 Gemeinde Bozen
  • Lire 1.900.000 Handelskammer
  • Lire 1.900.000 Allgemeines Lagerhaus
  • Lire    100.000 Fruchtverband

attività mercato ieri_3Am 16. Mai 1963 nahm die Großmarkthalle Bozen mit vorerst acht Großhändlern offiziell ihre Tätigkeit auf.

Der Anfang gestaltete sich eher schwierig, da es galt, vorerst mit einer tiefgreifenden Werbe- und Überzeugungsarbeit mögliche interessierte Händler in Gartenbauprodukten für sich zu gewinnen. Kaum war es gelungen einige zum Bei­tritt zu überreden, ergaben sich neue Schwierig­keiten mit der Festsetzung und der Festlegung der Zahlungstermine der Standgebühren. Es war keineswegs möglich, Preise und Bedingungen vor-zuschreiben und die Annahme oder Ablehnung dem Verhandlungspartner zu überlassen, wie es jeder andere Eigentümer mit seinen Untermietern tun kann. Im Gegenteil: es bedurfte einiger Über­redungskunst und viel Geduld, um die Initiative nicht von vornherein zu Fall zu bringen.
In mühevoller Überzeugungsarbeit gelang es dem. damaligen Präsidenten Ing. Giorgio Pasquali, die Firma Vinci, einer der größten Obsthändler von Bozen, zu überreden, sich mit ihren Büros und Lagerräumen im Markt anzusiedeln. Dies allerdings unter der ­Bedingung, das man ihr einen geeigneten Stand zur Verfügung stelle, der da­mals noch nicht auf dem Markt vorhanden war.
So erwies es sich als notwendig, bei der Landessparkasse, mit der Bürgschaft der Gemeinde Bozen, einen Kredit aufzuneh­men, was natürlich eine beträchtliche Belastung an Zinsspesen und Abschreibungen mit sich brachte.
Aus diesen Gründen endete das Geschäftsjahr zum 31. Dezember 1963 mit einem Verlust von 5.930.694.- Lire. Diese schwierige Situation hätte eine sofortige Kapitalreduzierung mittels Annul­lierung des Gesellschaftskapitals und einer Kapi­talaufstockung erfordert. In der Hoffnung im Jahre 1964 mit dem Eintritt der Firma Vinci – der für Anfang 1964 vorgesehen war – bessere Ergebnisse, und damit eine Bilanzsanierung vornehmen zu können. beschloss das Konsortium, vorerst abzu­warten.
Leider vollzog sich der Umzug der Firma Vinci in die Großmarkthalle erst im September 1964 und die Großhändler weigerten sich, die bis dahin fälligen Standgebühren zu überweisen, versicherten aber, diese zu begleichen, sobald die Firma Vinci in den Markt eingezogen sei. So kam es, dass auch das Geschäftsjahr zum 31. Dezember 1964 mit einem Verlust von 6.449.931.- Lire abgeschlossen wurde.

Es blieb kein anderer Ausweg, als das Gesellschaftskapital zuerst von 6 Millionen Lire auf 15,5 Millionen Lire zu erhöhen und im folgenden Kapitalschnitt auf 3 Millionen Lire zu bringen. Dies alles war notwendig um die erlittenen Verluste auszugleichen und dem Konsortium eine reguläre Fortführung des Betriebes und die Erreichung der festgesetzten Ziele zu gestatten.

Die Erhöhung des Gesellschaftskapitals von 6.000.000.- Lire auf 15.500.000.- Lire wurde von der Gemeinde Bozen mit 5.100.000.- Lire, von der Handelskammer mit 2.200.000.- Lire und vom Allgemeinen Lagerhaus mit 2.200.000.- Lire abgedeckt und gezeichnet.

  • Gemeinde Bozen Lire            1.394.000.
  • Allgemeines Lagerhaus Lire      793.000.
  • Handelskammer Lire                793.000.
  • Fruchtverband Lire                    20.000.

attività mercato ieri_2Mit den nun regulär fliesenden Einkünften aus den Standeinnahmen, den Gebühren für außerordentliche Dienstleistungen, für die öffentliche Waage, für die Erstellung der Preislisten und für die Standplätze, gelang es dem Verwaltungs­konsortium, ab 1965 ausgeglichene Bilanzen vor­zuweisen. Nachdem der Markt nicht zum Zwecke der Gewinnerzielung gegründet worden war, hatte man damit die erklärten Ziele erreicht.

Es sollte noch darauf hingewiesen werden, da13 bei der Konzepterstellung von Beginn an darauf geachtet wurde, die Marktfinanzierung nur über die Einnahmen aus den Dienstleistungen sicherzustellen. So ist es der Ver-waltung möglich, den Marktfirmen Dienstleistungen zum Selbstkostenpreis anzubieten, ohne die Steuerzahler der Gemeinde, Eigentümer des Marktes, zu belasten.

Wenn man die zu Lasten der Marktfirmen gehenden Kosten für die Benutzung der Verkaufsstände, aller gemeinschaftlicher Einrichtungen und der gebotenen Dienstleistungen mit der Menge der in den Markt eingeführten Produkte vergleicht, ergibt sich für die Großhändler eine Belastung von nur 5 Lire pro Kilo gehandelter Ware (1992).
Damit wurde, was die Verwaltung der Großmarkthalle angeht, darauf geachtet, ihrer sozialen Funktion Rechnung zu tragen und die Preisgestaltung des Großhandels nur minimal zu belasten.

 

VOM GROSSMARKT ZUM LEBENS­MITTELZENTRUM
Der Obst- und Gemüsegroßmarkt von Bozen ist mit seinen 220.000 Zentnern an gehandelter Ware ein typischer Konsummarkt. Sein begrenztes Einzugsgebiet (die Provinz Bozen hat 430.000 Einwohner auf einer Fläche von 7.400 km²) und seine Nähe zum Großmarkt von Verona sind die beiden Faktoren die schon immer jegliche Entwicklungsmöglichkeit beeinflusst haben.
Zu diesen beiden ob­jektiven Faktoren kam letzthin noch ein dritter subjektiver entschei­dender Faktor hinzu, nämlich das ungestüme Vordringen der großen Verteilerketten. Gerade die Stadt Bozen hat eine der höchsten Dichten an Supermärkten aller italienischen Städte.
Das Versorgungssystem dieser Supermärkte (die sich für ihre Einkäufe natürlich an den Großmarkt Verona, wenn nicht direkt an die Hersteller, wenden) und die Schließung einer Reihe traditioneller Lebensmittelläden im allgemeinen und Obstläden im besonderen, haben sogar das wirtschaftliche und betriebliche Weiterbestehen der Großmarkthalle in Frage gestellt.
Dazu kommt noch, dal3 die geringe Anzahl an Marktfirmen (nur 6 Obst- und Gemüsegroßhändler), die begrenzte Warenauswahl (besonders bedeutungsvoll für eine Tourismusregion wie die Provinz Bozen) und das traditionelle Versorgungssystem (heute noch bezieht der Großmarkt von Bozen 50-60% seiner Waren vom Großmarkt Verona), die Funktionstüchtigkeit der Grosmarkthalle in Frage gestellt haben.
An diesem Punkt hat die Gemeindeverwal­tung von Bozen, gerade um den Grosmarkt als wertvolles Instrument der Lebensmittelvertei­lungspolitik, der Information und des Verbraucherschutzes und um die öffentliche Dienstleistung Großmarkt” zu erhalten, eine wichtige Entscheidung getroffen. Der Markt sollte um-strukturiert werden, indem er von einem Obst- und Gemüsemarkt in einen Lebensmittelmarkt umgeformt wird, womit gesichert werden sollte:

  • ein Wiedergewinn an Wettbewerbsfähigkeit, gegenüber den Großhandelsketten, durch ein konzentriertes und spezialisiertes Angebot aller Arten von Lebensmitteln;
  • eine Aufwertung und Neuausrichtung der Unternehmensprofile, um neue Marktfirmen verschiedenster Art zu gewinnen;
  • eine einheitliche und zentralisierte Direktion, um aktiv maximale Produktivität und Effizienz der Struktur gewährleisten zu können.

ampliamento mercato 19870001Am 21.September 1988 wurde das neue Lebensmittelzentrum mit sechs verschiedenen Verkaufsbereichen (Fisch, Getränke, Fleischwaren, Milchprodukte, Blumen und Lebensmittel) eröffnet.
In kurzer Zeit ergaben sich einige funktionale sowie strukturelle Mängel (getrennte Fakturierung, unzureichendes Sortiment, geringe Konkurrenzfähigkeit, mangelnde Werbung und fehlendes Marketing), welche zusammen mit der Eröffnung alternativer, stark in Konkurrenz stehender Einrichtungen (Metro!) eine angemessene wirtschaftliche Entwicklung des neuen Lebensmittelzentrums beeinträchtigt haben.
Außerdem war die Ansiedlung gewisser Firmen mehr auf die Besetzung der angebotenen Verkaufsräume und den Schutz marktexterner Verteilungsgleichgewichte ausgerichtet als auf den notwendigen Aufschwung und die wirtschaftliche Behauptung einer öffentlichen Einrichtung.
Nach wenigen Jahren beschlossen einige Marktfirmen ihre Tätigkeit in der Großmarkthalle zu beenden, da diese nicht mit den Verkaufsstrategien ihrer Handelsniederlassungen außerhalb der Markthalle vereinbar waren.
Dank des unmittelbaren Ersatzes durch andere Unternehmen konnte die Konkurrenzfähigkeit gegenüber marktexternen Einrichtungen wiederhergestellt werden und auch die Eröffnung des ersten “Hard Discounts” in Südtirol hat zu einer anerkannten Preisdämpfung beigetragen und somit die institutionelle Zweckbestimmung der Großmarkthalle wieder aufgewertet.
Die Auswirkungen der Eröffnung des “Hard Discounts” – die übrigens einen ernst zu nehmenden Streitfall ausgelöst hat – hätte vor allem als Indikator einer Wachstums- und Identitätskrise der Einrichtung erkannt werden sollen, die nicht durch die Beibehaltung des “Status Quo”  zu lösen war, sondern nur durch eine realistische Planung basierend auf Konzepte, die die tief greifenden Veränderungen im lokalen Verteilungssystem einbeziehen.
Die Betreibergesellschaft und die Gemeinde Bozen als Eigentümerin der Markthallen und Verkehrsflächen haben die Aufgabe, genaue und unmissverständliche Anweisungen zu erteilen, damit innerhalb kürzester Zeit über die wirtschaftliche und institutionelle Zukunft der Großmarkthalle in Bozen entschieden werden kann.